Hurrikan

"Irma" und die Folgen: Was Karibiksegler jetzt wissen müssen

In wenigen Wochen beginnt die Saison für Chartertörns in der Karibik. Viele Charterflotten und -basen aber sind von Hurrikan "Irma" zerstört. Was nun?

Pascal Schürmann am 08.09.2017
BVI
Ron Gurney/Handout via REUTERS

Noch ist die Charterbranche voll damit beschäftigt, das ganze Ausmaß der Zerstörungen zu sichten, kaum ein Flottenbetreiber kann schon abschätzen, wann und wie der normale Betrieb wieder aufgenommen werden kann. Gestern gingen erste Mails von Agenturen an Charterkunden für die Reviere BVIs, St. Martin und Antigua raus, die die Kunden um Geduld bitten. Etwa zehn Tage würde es dauern, bis die Flottenbetreiber absehen können, welche Schiffe Totalverluste sind, welche wie schnell zu reparieren sind und wann die Basen wieder geöffnet sein werden.

Kunden müssen sich wohl darauf einstellen, dass die manche Charter auf ein anderes Schiff umgebucht wird, schlimmstenfalls vielleicht zeitlich verschoben werden muss. Doch der Umfang ist tatsächlich schlicht und einfach noch nicht überschaubar.

Ein erstes Video der Schäden von den BVIs gibt es auf der Webseite der britischen Tageszeitung "Daily Mail".

Die Probleme vor Ort  sind erheblich, wie Lucie Barone, Inhaberin des Flottenbetreibers VPM und der deutschen Agentur Barone Yachting, berichtet. Ihre Basis auf St. Martin und den BVIs wurde von "Irma" schwer getroffen: "Stromversorgung, Telefon und Internet funktionieren auf den Inseln noch nicht. Wir müssen auch sehen, wie unsere Angestellten überhaupt unterkommen, es sind ja auch viele Wohnhäuser zerstört, nicht nur die Basis-Gebäude." Zudem sei abzuwarten, wie sich der auf "Irma" bereits nachfolgende Hurrikan "José" entwickelt. Zurzeit ist er bereits zur Stufe 3 angewachsen und zieht ziemlich genau in den Spuren von "Irma". Es ist also nicht ausgeschlossen, dass die Inseln noch einmal von einem Sturm getroffen werden. Insofern werden die Aufräumarbeiten vielleicht zusätzlich erschwert.

Rechtlich ist die Lage für Reisende relativ eindeutig: Da die Karibik-Saison mit den ersten Buchungen erst Mitte bis Ende Oktober beginnt, müssen die Kunden abwarten. Erst wenn der Flottenbetreiber signalisiert, dass kein Schiff zur Verfügung steht, kann man an Stornieren oder Umbuchen der Flüge denken. Erst wenn das Schiff definitiv ausfällt, sollten Kunden sich an die Stornierung oder Umbuchung der Flüge gehen. Die Flugplätze sind erfahrungsgemäß die erste Priorität der Inseln, denn über sie werden auch Helfer und Hilfsgüter eingeflogen. Man kann also damit rechnen, dass sie schon in wenigen Tagen wieder geöffnet werden, wenn auch sicher nicht im Normalbetrieb. Wer seine Charter wegen der Schäden vor Ort nicht mehr antreten will, hat kaum eine Chance auf Erstattung der Kosten, Reiserücktrittsversicherungen greifen nicht. Lieber sollte man dann versuchen, die Reise zu verschieben. Auf den Flugkosten werden die meisten Crews sitzenbleiben. Aber manche Airlines zeigen sich in solchen Fällen auch kulant.

Eine andere Frage ist, wie sich der Sturm für Eigner auswirkt, die ein Boot in der Region haben.

Hoffentlich gut versichert

Glück im Unglück haben alle diejenigen Yachteigner und Charterflottenbetreiber, die ihre Boote ohne einen Hurrikan-Ausschluss versichert haben. Ihnen werden entweder die Kosten für Reparaturen und Instandsetzungsarbeiten erstattet. Oder sie erhalten im Falle eines Totalverlustes die Versicherungssumme ausgezahlt. 

Voraussetzung allerdings ist, dass sich die Eigner an eventuelle Vorgaben der Versicherung gehalten haben, wie sie ihr Schiff angesichts eines herannahenden Hurrikans zu schützen haben. Holger Flindt, Schadensexperte beim Hamburger Bootsversicherungsvermittler Pantaenius, sagt: "Schiffe, die während der Hurrikansaison in den gefährdeten Regionen an Land stehen, müssen beispielsweise in einem speziellen, in einem Stück geschweißten Lagerbock stehen. Sie müssen zusätzlich am Boden festgelascht sein, und das Rigg muss heruntergenommen werden."

Wer sein Schiff im Wasser lasse und in einer geschützten Ankerbucht den Hurrikan abwettern wolle, dürfe auch das, so Flindt, müsse dann aber bestimmte Auflagen erfüllen, was unter anderem die Auswahl des Platzes oder die Art und Anzahl der Anker betreffe.

Einen grundsätzlichen Deckungsausschluss im Falle eines Hurrikans, wie er früher häufig üblich war, gibt es bei vielen Versicherern nicht mehr. Sowohl die großen US-amerikanischen als auch viele europäische Policen-Anbieter verzichten darauf, da er in der Vergangenheit eher kontraproduktiv war. Flindt: "Als 2004 Hurrikan 'Ivan' über die Karibik zog, hat er große Schäden an Booten verursacht, weil zahlreiche Eigner nach Grenada ausgewichen waren. Die Insel lag damals knapp außerhalb einer Zone, für die es während der Hurrikansaison keinen Versicherungsschutz gab. Prompt ist 'Ivan' dann aber genau über Grenada hinweggezogen." Daraus habe man gelernt und gebe den Eignern nun lieber genau vor, wie sie ihr Boot technisch zu sichern haben. 

Noch ist nicht absehbar, wie groß die Schäden insgesamt ausfallen werden, die "Irma" anrichtet. Bei Pantaenius stellt man sich darauf ein, dass das Ausmaß immens sein wird. Sobald sich der Sturm gelegt hat, wird Flindt mit einem Expertenteam in die betroffen Regionen aufbrechen, um die Schäden aufzunehmen, Bergungen und – wo immer möglich – Reparaturarbeiten zu veranlassen. "Das wird sicherlich Wochen dauern", so Flindt. 

Pascal Schürmann am 08.09.2017

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