Havarie

"Ich bin tausend Tode gestorben"

Timo Sass muss entsetzt mit ansehen, wie die Helgoländer Fähre seine Yacht eingequetscht und zu versenken droht. Wie der Eigner die dramatischen Momente erlebte

Uwe Janßen am 04.01.2018
Helgoland
T. Sass

Skipper Timo Sass erlebte an Silvester einen Alptraum: Seine Yacht „Circe“ wurde an der Pier in Helgoland von der unkontrolliert driftenden Inselfähre "Helgoland" eingequetscht und um ein Haar versenkt. Der Eigner aus Braunschweig berichtet von den dramatischen Vorgängen, denen er hilflos zusehen musste.

Ich befand mich gerade auf dem Steg und wollte an Land, als die „Helgoland“ in den Hafen einlief. Schon beim Passieren der Einfahrt schien da etwas nicht zu stimmen. Offenbar berührte die Fähre mit der Steuerbordseite bereits die Pier, an der der auf der Insel stationierte Seenotrettungskreuzer „Hermann Marwede“ liegt. Da wurde ich aufmerksam und dachte: Mal sehen, was da passiert. 

Die "Helgoland" wollte auf der anderen Seite des Hafens anlegen und hatte wohl auch schon eine Luv-Leine ausgebracht. So weit ich es mitbekommen habe, hat das Umsetzen dieser Leine nicht funktioniert, sodass das Schiff plötzlich unkontrolliert und schnell durch den Hafen trieb. Im Laufe des Dreh- und Anlegemanövers war wohl das Bugstrahlruder ausgefallen, und das Unglück nahm seinen Lauf.

Zunächst drückte das Schiff meine Yacht mit dem Bug gegen den Schwimmsteg. Da waren auch die Seenotretter machtlos, die hervorragend reagiert hatten und gleich mit ihrem Tochterboot versuchten, der Situation Herr zu werden. Es war dramatisch. Ich glaube, ich habe die ganze Zeit über geschrien und gerufen, dass die Fähre lieber mit äußerster Kraft in die Pier fahren soll, anstatt mein Boot zu versenken.

"Hau ab da, Junge!!! Runter vom Steg", brüllten die Seenotretter. Ich musste also meine Yacht ihrem Schicksal überlassen und alles tatenlos von der Pier aus ansehen. Ich bin dabei tausend Tode gestorben, die "Circe" ist mein ein und alles.

Havarie

Die Seenotretter versuchen, mit dem Tochterboot "Verena" das Schlimmste zu verhindern

Nachdem die "Helgoland" mit ihrem Bug die Pier gerammt hatte und von der "Circe" abrutschte, schob sie sich vorwärts, wobei sie die massiven, einen halben Meter dicken Poller auf der Ostmole mit dem Bug verbog. Das Heck rasierte die Dalben im Wasser ab. Dann schwenkte es auf meine und die andere Yacht zu, die vor mir lag. Sie traf meine "Circe" derart stark, dass sie etwa 45 bis 50 Grad überholte und mit voller Wucht auf und gegen den
Schwimmsteg gedrückt wurde.

Der Steg stellte sich für kurze Zeit aufrecht, und das rettete die "Circe", da der Steg so den immensen Druck abfederte. Danach rutschte noch ein auf dem Heck der "Helgoland" liegender massiver T-Träger direkt neben meiner Yacht ins Wasser und verfehlte sie nur ganz knapp.

Die "Helgoland" hat meine Oberwanten berührt, aber das Rigg hielt Stand. Auf der anderen Segelyacht wurde der Radarmast durch den Stahlträger auf dem Heck der Fähre beschädigt.

Allein der äußerst stabilen Bauart mit zwei Zentimeter starkem Volllaminat und genauso starken einlaminierten Stringern ist zu verdanken, dass die "Circe", eine von Sparkman und Stephens designte IW 40 mit Baujahr 1976, nicht zerdrückt wurde. Es erscheint mir unglaublich, dass sogar alle Türen noch auf und zu gehen, nachdem das Schiff zweimal von 1860 Bruttoregistertonnen getroffen wurde.

Wie durch ein Wunder blieb die "Circe" nicht nur schwimmfähig, ich konnte sogar einhand mit ihr zurück nach Hooksiel in die dortige Kähler-Werft segeln. Dort wartet sie nun auf die Schadenbegutachtung. Es muss untersucht werden, ob das Schiff nicht doch gestaucht ist und Schäden erlitten hat, die mit bloßem Augenschein nicht zu erkennen sind. Sichtbare Beschädigungen sind lediglich die kaputten Püttinge.

Insgesamt ist die Havarie überraschend glimpflich ausgegangen. Vor allen Dingen können die Beteiligten froh sein, dass keine Personen zu Schaden gekommen sind.

Uwe Janßen am 04.01.2018

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