Nordwestpassage

Die wilden Jahre sind vorbei

Zu viel Show, zu viel Wagnis: Nach einer Rekordzahl von Transiten durch den arktischen Seeweg diskutiert Kanada drastische Reglementierungen für Segler

Uwe Janßen am 07.11.2017
NWP
Pierre Guyot

Die aktuelle Ausgabe der YACHT widmet sich in einem Themenschwerpunkt der Nordwestpassage. 23 Yachten und Boote haben in diesem Jahr den legendären Seeweg gemeistert, so viele wie nie. Dieser Rekord wird in naher Zukunft vermutlich nicht gebrochen, und das liegt nicht an der eher schlechten Vorhersage, derzufolge 2018 überdurchschnittlich große Mengen Alt-Eis aus der Arktis in der Passage erwartet werden. Es liegt vielmehr an der Reaktion der kanadischen Behörden auf die Vorgänge dieses Sommers.

NWP

„Passagen-Papst“ Victor Wejer

Der Kanadier Victor Wejer, 76, ist eine Art Revierpapst. Den Ingenieur, der heute in Toronto lebt, hat es in den frühen Siebzigern in die arktischen Gewässer verschlagen, er war dort für die petrochemische Industrie im Einsatz. Kaum jemandem dürften die Eigenarten und Besonderheiten des Reviers vertrauter sein. Bis heute betreut Wejer, der als 16-Jähriger mit dem Segeln begann, Skipper und Crews, die durch die Nordwestpassage wollen. Er versorgt sie gratis mit Wetter- und Eisinformationen, mit Tipps zu Ausrüstung und Ankerplätzen und lotst sie durch die kritischen Abschnitte. 2016 ist Wejer – Autor des wesentlichen Törnführers für das Gebiet und des jährlich aktualisierten "Yachtsmen Routing Guide" – für seine Verdienste von der britischen Blauwasser-Vereinigung Ocean Cruising Club mit dem "Award of Merit" dekoriert worden. Eine wahre Koryphäe bei diesem Thema, und jemand, der ein klares Wort nicht scheut.

Segler, die seinen Rat suchen, versucht er in aller Regel erst einmal, von diesem Törn abzubringen: „Den meisten rate ich dringend, sich von hier fernzuhalten. Man muss (für diese Reise, d. Red.) die richtige Einstellung mitbringen. Dies ist kein Abenteuer, sondern ein gefährlicher Trip für diejenigen, die nicht richtig ausgerüstet sind." Wejers Credo lautet: "Am Ende einer perfekten Passage gibt es keine Geschichten zu erzählen. Keine Probleme. Keine Schwierigkeiten. Keine Katastrophen. Abenteuer sind ein Zeichen von Inkompetenz.“

Diese Zeichen allerdings scheinen sich zu mehren. In der aktuellen YACHT beschreibt Skipper Jochen Winter, was ihm bei seiner Passage in diesem Jahr dahingehend auffiel: Segler, die – ganz im Gegensatz zu Wejers Forderung – offenbar schlecht vorbereitet, mit mangelhaften Kommunikationseinrichtungen ausgerüstet oder mit für diesen Einsatz im Zweifel ungeeigneten GFK-Yachten in den hohen Breiten unterwegs waren. Und auch das Treiben eines Anderen ist den kanadischen Behörden offenbar ein Dorn im Auge. Die Rede ist von Yvan Bourgnon, dem Schweizer Abenteurer, der ebenfalls in der YACHT von seinem Ritt durch die Nordwestpassage berichtet – auf einem sechs Meter langen offenen Sportkatamaran.

NWP

Wejer (r.) bei einer Törnberatung

Bourgnons gewagter Trip gilt Wejer zufolge unter Revierkennern weithin als "Schande". Zudem soll der Schweizer die kanadischen Grenzformalien nach YACHT-Informationen etwas zu lässig gehandhabt haben, was die dortigen Behörden zusätzlich auf Zinne brachte. Die Regierung erwägt nun, hohe bürokratische Hürden einzuführen – die wilden Jahre scheinen vorbei.

Diese Entwicklung wird forciert von Dennis Patterson, 69, Senator und ehemaliger Premier der Northwest Territories. In einem Gastbeitrag für die „National Post“ kündigte er am vergangenen Donnerstag die Gründung eines Senatskomitees an, das sich mit der Entwicklung in Kanadas Norden beschäftigen soll. Viele Sportboote, erklärt der Senator, hätten „sehr teure Search-and-Rescue-Einsätze“ verursacht, für die am Ende der kanadische Steuerzahler geradestehen müsse. Außerdem ist es vorgekommen, dass Eisbrecher eingeschlossenen Yachten zurück in freies Wasser helfen mussten. Und Revierexperte Wejer konstatiert, dass es in dem tückischen Seegebiet "jedes Jahr" zu Grundberührungen von Sportbooten komme, "das ist normal". Manche seien indes nur mit Glück glimpflich ausgegangen.

Für neue Sicherheits- und Überwachungsmaßnahmen hat Transportminister Marc Garneau bereits Investitionen in Höhe von 175 Millionen Kanadischer Dollar (ca. 118 Millionen Euro) angekündigt. Folgende Restriktionen für Sportboote stehen derzeit zur Diskussion:

• Registrierungspflicht für alle Segelboote, die die Nordwestpassage befahren wollen,
• Vorlage eines genehmigungspflichtigen Törnplans,
• Inspektion der Yachten,
• Überwachung der Passage,
• obligate Versicherung zur Kostenübernahme in Notfällen. 

NWP

Zu Wejers Klientel zählt auch Blauwasser-Pionier Jimmy Cornell (r.)

Wejer rechnet in jedem Fall mit "ernsthaften Auswirkungen" auf künftige Segelyacht-Transite. Erich Wilts, der mit seiner "Freydis" ebenfalls in diesem Jahr durch die Passage segelte, klingt angesichts dieser Perspektive ziemlich erleichtert, wenn er sagt: "Wir haben Schwein gehabt, dass uns das alles erspart geblieben ist."
 
Mehr zum Thema finden Sie in YACHT 23/2017 – jetzt im Handel, im DK-Shop oder direkt hier digital erhältlich!

Uwe Janßen am 07.11.2017

Das könnte Sie auch interessieren


Fotostrecken

Neueste Downloads

Yachttests


Reise-Reportagen


Ausrüstung


Gebrauchtboottests


Neue Videos


Aktuelle Artikel bei YACHT online


Gebrauchtboote der Woche