Titicacasee

Segeltour über den Wolken

Die "Iron Lady" der Müller/Wnuks steht weiter an Land. Die Crew segelt dennoch: auf dem höchstgelegenen Revier der Welt. Der Blog

Nathalie Müller am 07.10.2012
Schilfboot

Schilfboot auf dem Titicacasee

Nachdem wir in dem kleinen Ort Taltal an der chilenischen Pazifikküste mitten in der Wüste die letzten Segelboote auf dem Wasser gesehen haben, wenden wir den Bug unseres Toyatas nach Osten, Richtung Berge. Weit muss man hier nicht fahren, um die 3500-Meter-Höhengrenze zu erreichen, denn die Anden beginnen in Südamerika direkt am Meer.

Die Luft wird dünner und trockener, eine Herausforderung für uns Seenomaden, denen sonst immer eine frische salzige Brise um die Nase weht, Labello und Meerwassernasenspray werden unsere neuen, ständigen Begleiter, immer griffbereit in der Hosentasche.

Manche Sehenswürdigkeiten findet man eben nur in den Bergen, Machu Picchu, die Stadt Cuzco mit dem Valle Sagrado und das Colcatal, wo die Kondore jeden Morgen zuverlässig im Aufwind ihre Runden über einer 2000 Meter tiefen Schlucht ziehen. Wir erfahren, dass kleine Kinder sich wesentlich schneller an die Höhenluft und den fehlenden Sauerstoff adaptieren können als wir Erwachsenen, dass Kartoffeln in 3500 Meter Höhe eine Stunde kochen müssen, um zu garen, und dass es absolut unmöglich ist, Pasta al dente zu kochen, selbst wenn man Unsummen für Importware ausgibt.

Segeln auf dem Titicacasee

Segeln auf dem Titicacasee

Nur das Meer ist weit weg, macht nichts, dafür gibt es Ersatz in Form von Seen. Zwei außergewöhnliche Exemplare liegen knapp unter den Wolken, der Titicacasee und der Salar de Uyuni. Ein Meer in zwei Teilen sozusagen, besteht doch der eine aus Wasser und der andere komplett aus Salz.

Am Lago Titicaca, dem See des Pumafelsen, wie der Name übersetzt lautet, scheint die Zeit stehengeblieben zu sein. Dürre Ochsen ziehen schwere Pflüge über die gerodeten Felder, die buntgekleideten Indiofrauen in ihren schweren Röcken und den hüftlangen Zöpfen säen Quinoa, Amaranth und Mais aus oder spinnen im Laufen Alpakawolle, während sie Schaf- oder Lamaherden über den trockenen Altiplano treiben.

Die einst üblichen Schilfboote werden nur noch zu touristischen Zwecken gebaut, doch von modernen Yachten ist die Seefahrt auf dem höchsten kommerziell schiffbaren Gewässer immer noch weit entfernt. Die Fischer fertigen kleine Lancias aus Holz, ohne Kiel, mit Außenborder, Ruder oder Segel, es gibt Personenfähren zur Isla del Sol und abenteuerliche Holzflöße mit Motorantrieb, die tonnenschwere LKWs über die Seeenge transportieren und sehr vertrauenserweckend „Titanic“ heißen.

Titicacasee

Der Titicacasee

Insbesondere auf dem südlichen Teil des Sees, der Laguna Huaynamarca, sieht man am Nachmittag, wenn der Wind auffrischt, die bunten Tupfen der Lateinersegel vor der Silhouette der schneebedeckten Berge, an Bord ein paar fangfrische Forellen, eine Familie auf dem Weg nach Hause oder Baumaterial vom Festland für die Hütte auf der Insel. Unsere Kinder interessieren sich mehr für die Tretboote, die in Schwan-, Enten- oder Drachenform stundenweise zu vermieten sind. Doch glücklicherweise befinden wir uns in der Temporada baja, der Nebensaison, und sämtliche Plastiktiere ruhen sich am Strand aus.

Auf dem Weg nach La Paz, der heimlichen Hauptstadt Boliviens, fällt uns ein Schild am Straßenrand ins Auge: Club Nautico Boliviano – El club mas alto del mundo, der höchste Yachtclub der Welt. Nichts wie hin. Doch der Club hat geschlossen, natürlich, so mitten in der Woche außerhalb der Feriensaison hat keiner Zeit zum Segeln. Doch ein paar Telefonate und fünf Tage später kommen wir zu unserer Segelerfahrung in 4000 Meter Höhe, Luis, der Commodore des Clubs, lädt uns zum Familiensegelsonntag auf seiner Hunter 31 ein.

Die Marineros haben sich schon um alles gekümmert, als man gegen Mittag im Club ankommt, die Hunter liegt mit laufendem Motor am Steg, und während wir die Leinen lösen, wird noch schnell die Essensbestellung fürs Restaurant im Club aufgegeben.

Fotostrecke: Titicacasee und Salzsee

Luis strahlt vor Freude, denn ausgerechnet heute, wo er echte Hochseesegler zu Gast hat, weht auch hier oben eine kräftige Brise. Seine Frau Claudia, die Häppchen aus der Kombüse reicht, wirkt weniger glücklich über die plötzliche Schräglage, doch darauf kann jetzt keine Rücksicht genommen werden. Zwei Stunden kreuzen wir über den See, dann geht es zurück in den Club; das Essen wartet. Die frische Forelle schmeckt, wie sie nur nach einem Tag auf dem Wasser schmecken kann. So ein bisschen Luft in den Segeln tut gut – lässt aber auch Heimweh nach unserer „Lady“ aufsteigen.

Auf den letzten Kilometern Strecke in den Anden darf unser Toyota Herr Beuger noch mal richtig zeigen, was er draufhat. Statt auf den altersschwachen Planken einer Autofähre soll er nun endlich auf eigenen Rädern einen See überqueren dürfen, einen Salzsee, den Salar de Uyuni in Bolivien. Im Sommer ist das Gewässer unpassierbar, selbst mit Allradantrieb, doch jetzt, am Ende der Trockenzeit, hat sich aus dem Salzsee eine Salzpiste entwickelt, über 10.000 Quadratkilometer feste Kruste, auf der Herr Beuger in Höchstgeschwindigkeit dahingleitet.

Der Himmel ist blau, wie es blauer nicht geht, der See ist weiß. So weiß, dass man die Augen ohne Sonnenbrille schließen muss, der Horizont flimmert, die Berge am anderen Ufer des Sees scheinen zu schwimmen. Skurrilerweise liegt mitten auf dem Salzsee eine kleine, mit jahrhundertealten Kakteen bewachsene Insel. Wir landen mit Herrn Beuger in einer kleinen Bucht an und lassen ihn am Strand zurück wie sonst unser Dingi. Es ist verrückt, dieser Blick vom Gipfel der Insel auf ihre Küste, die Salzkristalle haben beim Verdunsten eine kleine Brandungswelle geformt. Wer ein bisschen blinzelt, könnte fast meinen, auf einer Insel in der südlichen Karibik zu sein.

Dass Stahl, Salz und Wasser keine gute Kombination sind, wissen wir wohl aus jahrelanger Erfahrung, und so bekommt unser Herr Beuger nach den vielen Kilometern Salzpiste eine ordentliche Motorwäsche in Antofagasta und wir eine besonders lange heiße Dusche. Antofagasta, die zweitgrößte Stadt Chiles, zurück am Pazifik und auf Normalnull. Mühelos steigen wir wieder Treppen, ohne zu schnaufen, genießen das Geschrei der Möwen bei Sonnenaufgang und den Meeresgeruch in der Nase. Zwischen uns und unser „Lady“ liegen noch 2300 Kilometer Asphaltstraße, der Blick auf den Wetterbericht zeigt deutlich den Frühling an, die Temperaturen steigen, und auch die Regentage haben sich verringert. Zeit, nach Hause zurückzukehren und die „Lady“ für die nächste Saison fitzumachen, denn mit einer zweistündigen Rundumwäsche ist es dort leider nicht getan! 
 

Nathalie Müller am 07.10.2012

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