Blauwasser

Kurs Heimat mit Verspätung

Kurz vor der Atlantiküberquerung erleidet die "Marlin" der Müller-Wnuks einen kapitalen Riggschaden. Wenn das unterwegs passiert wäre ...

Michael Wnuk am 06.06.2014
Marlin Jamaica

Nathalie Müller mit ihren Töchtern Maya und Lena auf der "Marlin"

Donnerstag 9. Mai. Nachtwache auf dem Weg von Montego Bay im Westen Jamaikas nach Port Antonio im Osten. Eine elektrische Winsch haben wir. Um das 100-Quadratmeter-Groß hochzuziehen. Wenn ich alleine bin, nehme ich die Winsch schon ganz gerne mal.

Heute will ich eigentlich nur ein paar Meter Reff hochziehen. Aus dem Schwalbennest, in dem der Motor der Winsch installiert ist, kommt sofort weißer, stinkender Qualm. "Feuer im Boot!" In Sekundenschnelle sind alle wach. Ich räume zwei Kisten weg, hinter denen die Sicherungen der Winschen sind. Die kann man nicht einfach ausschalten, also trenne ich die ganze Batterie.

Nathalie, geisteswach, übernimmt das Steuer und segelt mit Vollzeug und dem Wind hinter den Ohren als Richtungssensor durch die stockdustere Nacht. Mit dem Feuerlöscher in der Hand haste ich den Niedergang hoch und öffne die Klappe zum Schwalbennest. Glück im Unglück: Es hat "nur" geschmort.

Der Rauch ist beißend und giftig, Skippers Adrenalin auf 180. Seitdem ich unseren Ankernachbarn in Grenada, eine Oyster 70, innerhalb von zwei Stunden habe abbrennen sehen, bin ich auf Feuer extrem empfindlich. Die hatten auch einen Kabelbrand, versuchten mit Tauchflaschen ins Boot zu kommen. Aber nix ging mehr. Nur die Aluschale hat es noch auf den Schrottplatz gebracht. Bei uns im Motorraum ist aber alles okay.

Erst die Winsch, dann das Want

Leider kommt eine Katastrophe selten allein. "Bumm, krach, zong!" Die verhängnisvolle Nacht nimmt comicartig ihren Lauf. Statt gemütlicher Kreuz bei leichten Winden aus Ost reißt das Backbordunterwant inklusive Verankerung aus dem Mast, fällt auf das Deck und hinterlässt ein klaffendes Loch im Mast.

Fotostrecke: Die "Marlin" auf Jamaica

Es ist vier Uhr am Morgen, gerade mal sechs Stunden nach dem Kabelbrand, und es ist stockfinster. Ich vermute noch, dass ein Tampen gerissen ist. Erst im Morgengrauen sehe ich die Bescherung. Der 25-Meter-Mast der "Marlin" sieht aus wie eine krumme Spaghetti.

"Segel runter. Sofort!" Alle schauen mich erstaunt an. Was hat den Skipper jetzt wieder gebissen? Wäre unser Mast an Deck gestellt, anstatt auf den Kiel durchs Deck gesteckt, hätten wir jetzt wahrscheinlich keinen mehr. Das meint auch Pieter, der Rigger von Hall Spars, der geschlagene drei Wochen nach dem einschneidenden Erlebnis auf dem Flughafen von Montego Bay auf Jamaika vor mir steht und breit grinst.

Drei Wochen Zwangspause

Drei Wochen verbringen wir auf Jamaica anstatt gemütlich den Weg über den Atlantik nach Europa anzutreten. Ausgebremst, die erhofften langen Segelwochen auf den Azoren zusammengeschrumpft. Wir versuchen das Beste daraus zu machen. Vor zwei Wochen sind unsere neuen Segel aus Thailand auf den Cayman Islands angekommen. Das Großsegel ruht noch an Deck, Fock und Genua sind schon angeschlagen und getestet, Sturmfock, Trysegel und Gennaker sind gut verstaut.

Jetzt haben wir die Zeit, das alte Lattensystem auf das neue Großsegel zu adaptieren. Da kommt es uns gerade recht, dass mein Sohn Julian als Verstärkung des Familienteams aus Düsseldorf angereist ist, um mit uns den Atlantik zu überqueren. Am Tag davor dreggt der Anker im vermüllten Ankergrund der Montego Bay mal wieder, und die "Marlin" haut sich ordentliche Katschen ins Heck. Erst steuerbord, dann backbord kollidiert sie mit einer roten Fahrwasserbegrenzung aus solidem Beton. "Aua!"

"Gut, dass uns das mit dem Mastschaden nicht mitten auf dem Atlantik passiert ist", schließen Nathalie und ich die Themen: Es handelt sich eindeutig um eine ausgeprägte Pechsträhne, in der wir im Moment sind. Zeit für lang geplante Projekte haben wir jetzt genug. Winsch ausbauen. Mastreparatur vorbereiten, Winschenmotor rauswürgen, Katschen am Heck abschleifen, füllen und schleifen. Nach dem letzten Lackschadenvorfall in Kuba habe ich mir eine kleine Spot-Spritzpistole zugelegt, die ich mit einer Tauchflasche betreibe. Kommt jetzt zum Einsatz.

Die Leesegel für die Kojen werden endlich fertig genäht und installiert, Boxen im Cockpit eingebaut, Hunderte von immer nach hinten gestellten Reparaturen erledigt, wie zum Beispiel auch ein Hauptschalter für die Winschen. Unsere "Marlin" ist eben nie richtig bewohnt gewesen, und es gibt noch so viel zu verbessern, zu adaptieren für Menschen, die auf diesem Boot leben und segeln wollen. Stück für Stück kommen wir der Sache näher, wenn da nicht solche enormen Rückschläge wären, die uns unendliche Zeit kosten.

Die Kinder nehmen's gelassen und hüpfen täglich in den Marina-Pool

Die Frage, ob das dazugehört, finden wir müßig. Wer es am besten von allen macht, sind die Kinder. Die sind die einzigen wirklich Entspannten. Sie unterbrechen unsere Arbeitswut und schleifen uns jeden Mittag zum Pool in der Marina. Sie lernen in den drei Wochen Streckentauchen, einen perfekten Brust-Beinschlag und die Prinzipien vom Kraulen und Delfinschwimmen. Auch einen Besuch der Wasserfälle bekommen wir hin, eine kleine Rundtour mit einem Mietwagen.

"Jamaica cool!" Dass die Jamaikaner professionelle Touristenabzieher sind, nervt etwas. Ständig will jemand seine fünf Dollar machen. Ob für ein Foto, ein paar Mangos, fürs Weg-Zeigen, für eine ungefragte Autoaufsicht oder ein paar billige Armbänder: Fünf Dollar ist der Preis.

Eigentlich wollte ich die neuen Tangs (Mastbefestigungen der Unterwanten) selbst einsetzen. Doch die Profis von Wehring & Wolfes, unserer Versicherung, meinten, sie würden die Deckung für unsere Atlantiküberquerung nur aufrechterhalten, wenn ein professioneller Rigger die Arbeit übernimmt und ein Gutachten zum Zustand des Riggs erstellt, das natürlich tadellos sein muss. Da sie die gesamten Kosten übernehmen, soll es uns nur recht sein.

Die Zeit drängt, bald setzt die Hurrikansaison ein

Spannung kommt auf. Plötzlich steht unsere ganze Planung auf dem Spiel. Müssen wir noch mehr austauschen als nur die beiden Unterwanten, so wird es zu spät werden für die Atlantiküberquerung. Schließlich steht die Hurrikansaison vor der Tür. Ein weiteres Jahr in der Karibik? Vor allem Nathalie wird nervös.

So kommt Pieter mit den neuen Wanten im Gepäck direkt aus Holland und erledigt den Job genauso, wie ich es auch gemacht hätte, allerdings dreimal so schnell und ohne nachdenken. "Passt schon!" Kommt mir bekannt vor von meiner eigenen Arbeit, die Radios installiere ich eben mittlerweile auch im Schlaf.

Nach getaner Arbeit verbringt Pieter einen weiteren Tag im Rigg und prüft und prüft und schaut. Er nimmt seinen Job wirklich sehr ernst. Wir kommen uns vor wie beim Zahnarzt. Endlich steht er lachend vor uns: "Ihr könnt fahren. Ich kann nichts finden."

Der Atlantik ruft für mich zum vierten Mal. Diesmal die Nordroute. Sind wir aufgeregt? Doofe Frage. Ja, sind wir. Willst du dabei sein? Zumindest virtuell – dann besuche unseren täglichen Blog.

Michael Wnuk am 06.06.2014

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