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Wer wacht eigentlich über die Rekorde?

Der World Sailing Speed Record Council setzt auf Technologie – und auf Männer wie Claude Breton, einen Juror der besonderen Art

Matthias Beilken am 25.11.2015
Claude Breton, WSSRC-Juror, vor dem Start von Henrik Masekowitz

Claude Breton, WSSRC-Juror, vor dem Start mit Henrik Masekowitz in Brest

Die Bar "Le Tour du Monde" in der Marina Moulin Blanc in Brest ist eine dieser legendären Orte. Würde man eine Postkarte aus irgendwo in Übersee adressieren mit "Bar Tour du Monde, Brest, Frankreich", sie würde ankommen. Eine Pinte vom Schlag des "Peter Café Sport" oder der "Soggy Dollar Bar". Wenn ein Segelstar sagt, sein Boot läge "in Brest", meint es normalerweise diese Marina. Und es bedeutet ebenfalls meistens, dass der Star mittags  in dieser Bar hockt. "Tour du Monde" heißt wie das, was Henrik Masekowitz gerade vorhat: "Weltumsegelung".

Die Wände hier sind überzogen mit gemalten Weltkarten. Darüber Linien, Routen und Namen: "Lamazou", "Arthaud", "Moitessier", "Joyon", "MacArthur". Über Ozeane und Kontinente sind Wanduhren drapiert, die die Tageszeiten in den jeweiligen Zonen der Welt anzeigen: Bretagne, New York, Kap Hoorn. Logisch, dass sich die Damen und Herren, die auf den Wänden verewigt sind, sich hier auch quasi bereits die Klinken in die Hand gegeben und "Moules frites" verdrückt haben.

Ein kleines Männchen sitzt in der Ecke, das aussieht, als sei es gerade mal eben aus Asterix' gallischem Dorf herübergedüst. Es ist Claude Breton, Zeitnehmer, Juror und einer der obersten Funktionäre der weltumspannenden, offiziellen Rekordverwaltungsfirma World Sailing Speed Record Council, kurz WSSRC. Er trägt eine Blousonjacke mit der Aufschrift "Tour de Bretagne", eine der fiesesten Regatten des Figaro-Zirkus über mehrere Etappen. Claude Breton ist die personifizierte Erfahrung. Wer als Segler zu einem Rekordversuch aufbricht und sich nicht bei ihm registriert, findet eigentlich gar nicht statt.

Claude Breton, WSSRC-Juror, vor dem Start von Henrik Masekowitz

Unbestechlich: WSSRC-Tracker

In einem Umschlag hat er einen Tracker und ein paar Unterlagen für Henrik Masekowitz mitgebracht. Das mit dem Tracker freut den IT-Ingenieur aus Hamburg, auch wenn die jetzt folgenden logistischen Details irritieren. Denn Breton muss zur offiziellen Zeitnahme nach Ouessant – trotz modernem Tracker – und bemerkt, dass der Startversuch ja "ein bisschen kurzfristig" käme.

Jetzt bangt er um einen freien Platz im Flugzeug, denn das hat nur acht Sitze. Kommt er nicht mehr an Bord, muss er auf die Fähre – in der herbstlichen Biskaya keine besonders gemütliche Unternehmung. Aber egal wie: Er muss auf die Insel, Punkt. Und Henrik Masekowitz muss wegen der Reise einen Vorschuss zahlen, Punkt. 

Claude Breton war schon oft auf der Insel, gegen die Helgoland im Herbst so zugänglich ist wie ein Großstadt-Verkehrsknoten. Deshhalb kennt er das Eiland wie kaum ein anderer. Es gibt auf der Ile d'Ouessant nicht viel mehr als eine Kneipe und einen Leuchtturm, Créach. Daneben steht ein alter Semaphor. Der beherbergt die WSSCR-Beobachtungsstation, peilt Cape Lizard in missweisend zwölf Grad. Diese gedachte Linie markiert den Start.

Viele Details werden zwischen Masekowitz und Breton erörtert. Unter anderem, wie es wäre, würde ein gänzlich stromloses Boot – ohne jedwede Kommunikationsmöglichkeit – im März wieder den Atlantik hinaufschippern (sehr, sehr unwahrscheinlich: Henrik hat in einem wasserdichten Überlebenscontainer auch einen vollen Akku für das Satellitentelefon). Wie soll Breton dann ahnen, dass er auf die Insel muss? Und was passiert, wenn Henrik den Rekord nicht schafft? Claude tröstet: Das WSSRC schreibt dann ein offizielles "Passage Certificate", registriert werden auf diese Weise auch gescheiterte Versuche.

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Matthias Beilken am 25.11.2015

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