Überführung

Letzte Etappe für Henrik Masekowitz

Azore –Hamburg. Solosegler Masekowitz über die letzten Meilen seiner Rücküberführung – und die ersten, die er nicht allein abspult

YACHT Online am 17.04.2016
Henrik Masekowitz mit Crew auf der Rücküberführung

Erstmals mit Crew, und müde nach ruppigem Auftakt: Henrik Masekowitz auf der Rücküberführung mit Mitsegler Roland

Gerade eben bin ich von einem Funk-Anruf der französischen Küstenwache geweckt worden. Der Beamte fragt nach dem Wohlbefinden von Crew und Boot. Wie er "Croix du Sud" sagt, ist unnachahmlich. Ich freue mich über die perfekte Aussprache des Namens und fühle mich fast wie zu Hause. Es sind keine 100 Meilen bis zu meiner Start-Ziel-Linie nördlich der Ile d'Ouessant. Und nur noch ein paar hundert mehr bis Hamburg.

Doch der Reihe nach:

In Ponta Delgada war das Treffen mit meiner Familie ein echtes Highlight. Nach 30 Tagen auf See bin ich tatsächlich zeitgleich mit Tina und den Kindern auf der Insel angekommen, sodass wir die ganze Woche Osterferien dort zusammen verbringen konnten. Etwas Bastelei an Bord, Ausflüge mal auf die rechte, mal auf die linke Seite der Insel, und ein Ausflug auf See – das hat uns viel Freude gemacht. Im Kreis meiner Liebsten konnte ich entspannen und zur Ruhe kommen.

Natürlich vergeht die Zeit dann wie im Flug und ist wie immer viel zu kurz bemessen. So waren die drei schon etwas enttäuscht, weder die versprochenen Wale noch Delfine gesehen zu haben. Eine Whale-watching-Tour per Segelboot ist eben doch eher dem Zufall überlassen im Gegensatz zu den geplanten Ausfahrten von Revierkennern auf Speedbooten. Überhaupt habe ich auf der Rückfahrt nur zwei Mal eine Gruppe Delfine gesichtet.

Das Ende der Ferien ist für mich wieder ein Neubeginn. Nicht nur, weil ich noch einmal die Leinen loswerfe, um den letzten Schlag zu machen. Auf der Fahrt durch den Englischen Kanal werde ich erstmals nicht allein sein. Ein Crewmitglied ist meinem Aufruf hier bei YACHT online gefolgt. Das bedeutet Verantwortung für zwei, geteilte Intimsphäre und so weiter. Eine nicht ganz einfache Entscheidung, nach so langer Zeit des Allein-Segelns wieder meine "Croix du Sud" zu teilen.

Aber mit Roland kommt ein segelbegeisterter sympathischer Typ an Bord, der mir eine willkommene Abwechslung und Unterstützung ist. Und das ist auch gut so!

Unsere Abfahrt in Ponta Delgada verzögert sich um zwei Tage, weil ein extrem kräftiges Tief weit hinunter in den Atlantik im Anmarsch ist und Wind bis 60 Knoten mit einer Wellenhöhe von zehn Metern verspricht. Durch die Wartezeit im Hafen kommen wir in den Genuss eines Live-Konzerts der einheimischen Coverband, welche außerordentlich gut abrockt. Bei sommerlichem Wetter auf der Südseite der Insel relaxen wir und statten täglich dem besten Fischrestaurant der Welt einen Besuch ab – genau das Richtige, bevor es auf eine kalte und sehr nasse Reise gen Norden gehen sollte.
     
Unser Start zum letzten Schlag der großen Acht, also meine Runde Ouessant–Capetown–Ouessant, verläuft dann doch etwas überstürzt. Der Wunsch, dem Tief hinterherzufahren, erwies sich in der Theorie als sehr aussichtsreich, um eine schnelle Überfahrt zu haben. In der Praxis jedoch steht der Rest einer außerordentlich hohen See aus dem Nordweststurm schräg gegen eine auch nicht gerade kleine Windsee aus Nordost, was deutliche Auswirkungen auf das Steuerverhalten des Autopiloten und die Seefestigkeit von Skipper und Crew mit sich bringt.

Die ersten zwei, drei Tage und Nächte gleichen also eher einem Kampf der Gewalten. Im 3. Reff, teilweise ohne Vorsegel, vor die Wellen gelegt, warten wir auf Wetterbesserung. Vor allem die Böigkeit mit Windsprüngen um bis zu 40 Knoten ist schwer auszuhalten – Bedingungen, die ich eher im Southern Ocean als hier im Atlantik erwartet hätte. Umdrehen aber ist keine Option, also Durchhalten.

Donnerstag und Freitag beruhigt sich das Geschehen zum Glück, und wir sind seither im Normalmodus unterwegs. Jetzt wieder mit 1. Reff im Groß und Code 5, mit 11 Knoten Speed durch Tag und Nacht in Richtung Ziel. Allerdings ist es richtig kalt, und ich bin froh, als Komfort-Update die Dieselheizung von Aeroheat an Bord zu haben. Auch etwas, das eigentlich für den Southern Ocean gedacht war, nicht für den europäischen Frühling...

Die Richtung stimmt immerhin, die Laune auch. Obwohl ich mit jeder Meile nach Ouessant, der imaginären Ziellinie des eigentlich angepeilten Weltrekords, immer auch an meinen geplatzten Traum des Solo-Nonstop-Törns um die Erde denken muss.

Stattdessen bin ich auf dem Weg nach Hause. Dort warten neue Aufgaben auf mich. Ich freue mich jetzt unglaublich, erst einmal viel Zeit mit meiner Familie zu verbringen. Den Sommer zu genießen beim Fahrradfahren, durch den Wald spazieren, Schwimmen lernen mit Jana, und und und. In ein paar Tagen werden wir in Hamburg festmachen. Ich bin dann rein rechnerisch drei Viertel um die Welt gesegelt – rund 15.000 Meilen in weniger als 90 Tagen.

Das reicht vielleicht auch erst einmal.

YACHT Online am 17.04.2016

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