Solo nonstop

"Langsam läuft es rund hier an Bord"

Erst zu viel Wind, dann zu wenig, und kaum Strom in den Akkus – Henrik Masekowitz' erster Bericht von seiner Class 40 "Croix du Sud"

Jochen Rieker am 19.11.2015
Endlich unter Gennaker: Henrik Masekowitz' Class 40

Endlich unter Gennaker: Henrik Masekowitz' Class 40 

Nach zähem Start kommt der 49-jährige Einhandsegler inzwischen in Fahrt. Anfängliche Maleschen an Bord hat er behoben, und endlich spielt auch der Wind mit. Seit gestern Abend loggt Masekowitz' "Croix du Sud" bei leichtem achterlichem Wind zwischen 8 und 10 Knoten. 

Hier seine Gedanken zu den ersten Tagen auf See:

Wie plant man eine 130-Tage-nonstop-Segelreise? Ganz akribisch oder doch eher getreu dem Motto "Es kommt sowieso immer anders, als man denkt?" Na, ganz so lässig geht's dann doch nicht. Ich zerbreche mir den Kopf: Was gehört in welcher Menge an Bord und nach welcher Wahrscheinlichkeit des Eintretens von Ereignissen wie Defekten oder Bruch? Was fällt eher in die Kategorie "nice to have"? So geht vor dem Start halt auch das ein oder andere Utensil wieder mit nach Hamburg zurück.

Tatsächlich habe ich in der ersten Woche meiner Reise angefangen, alles mehr oder weniger Geplante durch ein "Okay, wird schon gehen!" oder "Na, hoffentlich reicht das!?" zu ersetzen. Oder durch ein: "Wo ist das bloß?" Heute Morgen z.B. habe ich verzweifelt den Liter Speiseöl gesucht, um mir das erste Mal ein frisches Omelette mit Zwiebeln und Käse zu bereiten anstatt der sonst üblichen Trek’n-Eat-Tütennahrung. Vergebens. Vergessen!

Es läuft aber auch erst die letzten zwei Tage langsam rund hier an Bord.

Am Start letzten Freitag (offizielle Startzeit: 13.11.2015, 6h 18m 20s) brandeten riesig hohe Wellen mit in Böen 35 Knoten Wind ums Eck von Ile d'Ouessant. "Na klasse!", dachte ich mir, "geht ja gut los."

Und tatsächlich zeigte sich das Wetter die folgenden Tage als eher unzuverlässig, entgegen Prognose und Routing. Hatte ich mit einem lockeren Anlieger bis ans Kap Finisterre an der nordspanischen Ecke gerechnet, ergab sich für mich stattdessen ein übler Kreuzkurs mit harten Schlägen durch die aufgewühlte See der herbstlichen Biskaya.

Ich hatte irgendwie vor Augen, dass diese Reise schon in La Coruña eine Pause bräuchte, denn irgendwie lief alles nicht richtig zusammen. Meine Energieversorgung machte mir Probleme. Der Diesel musste zweimal am Tag laufen, um die Batterien einigermaßen bei Laune zu halten. Der Autopilot verbrauchte einfach zu viel Power. Mittlerweile habe ich ihn etwas anders konfiguriert und auch alle verfügbaren Solarpanels an Deck gebracht. Nun geht's.

Weiter an der portugiesischen Küste entlang leider nix mit Nordwind. "Nee, klar", dachte ich mir, "ist ja Mitte November und dann auch noch El Niño...". Also weiter kreuzen. Doch es kommt noch dicker. Durch ein sehr stark ausgeprägtes Hoch nahe Lissabon war für 24 Stunden totale Flaute angesagt. Ich kannte diese küstennahen Wetterverhältnisse eigentlich mit Wind von Steuerbord, dann ein bis drei Stunden Pause, und danach von Backbord weiter. Nicht so hier.

Meine Nerven lagen blank. Nicht nur wegen der Geräuschkulisse, des Schlagens der Segel und des Drehens im Kreise, vielmehr auch, weil man das Gefühl bekommt, gefangen zu sein, zur Untat verdammt. Noch dazu las ich in einer Mail, dass nun auch Joe Harris gestartet sei – mein amerikanischer Konkurent, was den Rekord angeht.

Er segelt den gleichen Rekordversuch auf seiner Akilaria RC2, dem Nachfolge-Design meiner Akilaria, von und nach Rode Island bei New York. Mir gehen alle möglichen Sachen durch den Kopf: Was, wenn er besser loskommt als ich? Oder treffen wir uns vielleicht …? Alles plötzlich ungeheurer Druck, den ich dringend abschütteln muss. Meine Deadline auf Basis des aktuell bestehenden Rekords reicht mir schon. Diese endet am 30. März 2016 um 02:20 Uhr morgens.

Die letzten beiden Tage läuft es nun endlich. Unter Gennaker mit 8 bis 10 kn Richtung Süden. Heute passiere ich den Eingang zum Mittelmeer. Die Enge von Gibraltar lasse ich links liegen und verlasse damit den Kontinent Europa. Ich halte weiter Kurs in Richtung der Kanarischen Inseln, wie damals 2007 auf meiner "Beijamar" während des Minitransat.

Ich fühle mich nun besser und habe, glaube ich, einen guten Rhythmus gefunden zwischen Schlafen, Essen und Tagesdienst am Boot. Sicherheit gibt mir auch, dass mein Hydrogenerator jetzt locker 20 Ampere in die Batterien presst. Jeder Tag ohne Maschine heißt einen Tag mehr Heizen mit Diesel – Reserve für den Southern Ocean.

Viele Grüße
Henrik

Jochen Rieker am 19.11.2015

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