Henrik Masekowitz

Die schlichte Philosophie der Class 40

Woher stammt eigentlich der Bootstyp, mit dem Henrik Masekowitz unterwegs ist? Und warum ist die Klasse so erfolgreich? Eine Spurensuche

Matthias Beilken am 12.12.2015
Henrik Masekowitz

Masekowitz-Yacht "Croix du Sud": schnell, robust und genial einfach im Handling

Am Anfang war die Pogo. Nein, noch nicht die große, wie sie heute jeder kennt, weil sie eine neue Art zu segeln verkörpert. Sondern die kleine, die Pogo 6.50, das Urmodell, das Konzept von Designer Pierre Rolland und ein paar Minitransat-Freaks. Deren Ideensammlung war quasi die Blaupause für alles, was heute neu, radikal und innovativ wirkt: Seascapes, Flyer und, und, und. Die Ur-Blaupause entstand 1995 in Saint Marine/Combrit in der Bretagne, der Pogo-Heimstatt, die damals eine Garage war.

Der Erfolg der Ur-Pogo ist legendär. Sie verband Seetüchtigkeit mit Robustheit und Schnelligkeit und genial einfachem Handling. 

Die Class-40-Yachten funktionieren im Prinzip ähnlich, und auf sie treffen die gleichen Attribute zu. Auch haben sie einen ähnlichen Usprung wie die Ur-Pogo, denn sie sind ebenfalls das Resultat einer Zusammenrottung weniger innovativer Segler, darunter ein Wertchef und ein Vendée-Skipper und Journalist. Nicht so wild und schrill wie die Mini-Freaks von einst, sondern irgendwie erwachsener und erfahrener, aber doch willens und in der Lage, kreativer zu denken als andere.

So haben sich erfahrene Typen um Pogo-Werftchef Christian Bouroullec überlegt, wie ein "modernes Boot um die 40 Fuß" heute eigentlich aussehen müsste. Um das Jahr 2004 war das gewesen. Die Bauregeln passten damals auf ein Blatt Papier, und das beschrieb quasi die Lowtech-Ausgabe eines Hightech-Open-40 (wie schon die Ur-Pogo eine Lowtech-Augabe eines Hightech-Minis war): Breite, strakende Spanten – die vor allem im Heck eher an einen Wok erinnern –, Wasserballast, Doppelruder, senkrechter Steven, Bugspriet. Schlanke Squarehead-Segel. Nur der Mast durfte aus Kohlefaser sein.

Zum Fastnet Race 2005 starteten vier "dieser komischen neuen 40-Fußer". Einer davon die "Yellow Basket" des dreimaligen Vendée-Globe-Skippers Patrice Carpentier, der ebenfalls zum Initiatorenkreis um Bouroullec zählte.

Henrik Masekowitz

Erfolgsrezept Einfachheit: ohne viel Klimbim aufs Wesentliche konzentriert 

Es folgten die Erfolgsstories der "Fahrtenboote" auf Route du Rhum 2006 und beim Transat Jacques Vabre, sehr prominente Skipper stiegen auf die "Warmwasserboote" um, die wohl besser – da war sich die Fachwelt einig – nur "zwischen den Wendekreisen" bleiben sollten. Kein Veranstalter kam mehr um die neuen Westentaschen-Open-60s herum. Boris Herrmann startete seine Class-40-Kampagne mit seiner "Beluga" 2008, da wurde das legendäre Transat (ehemals Ostar) nur für 60s und 40s ausgeschrieben. Fahrtensegler, Multis? Sie mussten zu Hause bleiben.

Den großen Durchbruch für die kleinen Boote aber markierte das Global Ocean Race, eine schier unerhört scheinende Weltumsegelungsregatta im Geist ihrer klassichen Vorgänger. Die Fähigkeit der Boote, das zu schaffen, wurde vor allem von solchen angezweifelt, denen die Namen derjenigen, die diesem Geist eine neue Form gaben, nichts mehr sagten: Josh Hall und Brian Hancock, zwei der erfahrensten Extremsegler überhaupt. Weil die beiden genau wussten, worauf es ankommt, schufen sie eigens die "Category-Zero"-Sicherheitsstufe: Sie schloss wasserdichte Schotten ein und rechnerische Nachweise von Aufrichtmethoden. Eine Hürde, die potenziellen Teilnehmern Kopfzerbrechen bereitete und betroffenen Designern lange Abende mit ihren Rechnern.
Zwar gab es Lösungen, aber Zweifel blieben: Benoit Parnadeau, selbst Vendée-Globe-Skipper und Freund von Boris Herrmann, sagte 2008 am Ende einer Überführung auf die scherzhafte Frage, ob er denn nicht mit Herrmann um die Welt segeln wollte: "Nur, wenn du das Heck dichtmachst, Boris". Boris hat das Heck nicht dichtgemacht, aber gewonnen.

Aber die Zeit steht nicht still, und längst zählt es zum guten Ton von Designern, einen Class-40-Entwurf verfügbar zu haben, also einen dieser ehemals "komischen neuen 40-Fußer". Die Namen der Konstrukteure ist mittlerweile ein Who’s who der Open-60-Szene: Verdier, Rogers, etc. Henrik Masekowitz' "Croix du Sud" ist ein Marc-Lombard-Boot (die "Gryphon Solo 2" seines Konkurrenten Joe Harris ebenso), die erste Pogo 40 kam von der Groupe Finot. Begegnungen mit modernen "40s" sind heute kein Spaß mehr: Während der Vorbereitung kreuzten sich die Wege von Masekowitz' "Croix du Sud" und brandneuen, professionell gewarteten und gesegelten Booten mit ihren Sliding Roofs, Schwallwasserschutz-Sülls, zwei Niedergängen, Zentralwinsch und Kick-up-Rudern mehrfach. Die neuen halten sich technologisch und seglerisch irgendwo zwischen Open 60s, Minitransat-Prototypen und Figaroyachten auf. Die sind ein anderer Schnack als frühere Generationen.

Es gab Gerüchte, dass jene frühen "40s" nicht sehr stark am Wind waren (wie sie wohl jedem extremeren Design nachgesagt wurden). Eine sehr relative Aussage: Sie waren einfach nicht sehr angenehm zu segeln, machten aber deutlich Luv. Nicht relativ jedoch ist die Aussage, dass die neuen Boote viel, viel besser sind. Segel, Riggs, Rumpflinien, alles wesentlich effizienter. Und die Preise höher. Alle paar Jahre ist in den Extremklassen ein "10-Fuß-Phänomen" zu beobachten. Was bedeutet, dass ein heute modernes Boot so schnell ist wie ein einst "brandaktuelles" zehn Fuß größeres Boot. Also war ein neuer Open 50 schneller als ein alter Open 60, eine Class 40 schneller als ein 50er, ein Serienmini schneller als ein alter Proto etc.

Und unter Deck? Die "Salons"? Sind scheinbar kleiner geworden, sie gleichen den Segler-Überlebenszellen in Minis oder Open 60s, "Einbauten" aus Sandwich verschmelzen als tragende Teile mit der Monocoque-Rumpfstruktur. Gegen einen modernen 40er gleicht das ungastliche Interieur von Masekowitz' Boot einem leeren Tanzsaal. Angedeutete Schotten, Kojen- und Klo-Nischen.

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Die "Croix du Sud" unter Deck: die Gemütlichkeit eines leeren Tanzsaals

Gererell lässt sich sagen, dass die Hochtechnisierung von Booten aus einer funktionierenden Massenformel nur selten funktioniert. Open 40s gibt es nicht mehr, Formula-18-Hightech-Kats segeln nurmehr in einer Nische, sogar die H-Jollen-Vereinigung ist an Schönheit gestorben. Ganz anders solche Klassen, die auf das äußerste Radikale verzichten, etwa was Gewichtsreduktion und technische Hochrüstung betrifft. Das garantiert im Vergleich bezahlbare Boote und enge Rennen, in denen auch noch eine erkleckliche Anzahl von Yachten das Ziel überhaupt erreicht. 

So funktionieren die Class 40s.

Matthias Beilken am 12.12.2015

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